Mittwoch, Dezember 12, 2012

Ravi Shankar ist tot 1920-2012

Der legendäre indische Sitar-Musiker Ravi Shankar ist laut einem Fernsehbericht tot. Shankar sei in einem Krankenhaus in San Diego im US-Bundesstaat Kalifornien gestorben, berichtete der indische Fernsehsender CNN-IBN am Mittwoch. Er wurde 92 Jahre alt.
 
Quelle:Die Welt.de
 
Der Klang seiner Sitar besäße "so viel himmlisches Wimmern und Schwirren, dass sie mehrere LSD-Räusche ersetzen könnte", schrieb der SPIEGEL in einer Rezension eines Konzerts, das Ravi Shankar 1967 beim Monterey Pop Festival in Kalifornien gegeben hatte. Wer sich heute die Aufnahmen aus dem "Summer of Love" in Monterey ansieht, schaut in die verzückten, verpeilten und irritierten Gesichter junger US-Amerikaner, für die die Mikrointervalle aus seiner Sitar offensichtlich der Soundtrack zum Befreiungslebensgefühl war. Barfuß auf Droge tanzen, dazu der schwebende Sound einer indischen Raga: die Blumenkinder und Ravi Shankar, das schien perfekt zu passen.






Tatsächlich war dem 1920 in Varanasi als Robindro Shaunkor Chowdhury geborenen Musiker die Hippie-Kultur der Sechziger ziemlich fremd. Seine Musik sei spirituell, sie dürfe nicht als Kulisse für den Konsum von Drogen missbraucht werden, sagte er einmal. "Ich bin glücklich, dabei gewesen zu sein, als die Gesellschaft sich veränderte. Aber was mich gestört hat, war der Drogenkonsum und dass die Drogen mit unserer Musik gemischt wurden", resümierte Shankar 1985.

An das Monterey Festival erinnerte sich Shankar eher schaudernd: "Ich war schockiert, die Leute so auffällig gekleidet zu sehen. Sie waren alle stoned." Er sei entsetzt gewesen, als Jimi Hendrix seine Gitarre angezündet habe. "Das war zu viel für mich. In unserer Kultur haben wir Respekt vor unseren Instrumenten, sie sind wie ein Teil Gottes."


Das vermeintlich Freie an der Musik - die indischen Ragas sind improvisierte Variationen über ein Thema und dehnten sich bei Shankar oft über eine Dreiviertelstunde aus - beruht tatsächlich auf dem jahrelangen Studium der 72 indischen Tonarten und Tausenden Melodiefolgen, die der Sitarspieler beherrschen muss.

Mit 17 Jahren zog sich der jüngste von sieben Söhnen einer wohlhabenden bengalischen Beamtenfamilie nach Nordindien zurück, um bei Allauddin Khan, einem bengalischen Meister, das Spiel des komplexen Instrumentes zu lernen. In Maihar, in klösterlicher Abgeschiedenheit, widmete er sich der klassischen indischen Musik. "Es war schwierig für mich, von Orten wie New York und Chicago in ein entlegenes Dorf voller Mücken, Bettwanzen, Eidechsen und Schlangen zu gehen, wo die ganze Nacht die Frösche quakten. Ich war ein junger, westlicher Mann. Aber ich überwand das."


Dabei hatte er eigentlich nur tanzen wollen. Als Zehnjähriger schloss sich Ravi Shankar der Tanzgruppe seines Bruders Uday an. Mit der Compagnie de Danse et Musique Hindou zog er nach Paris, lernte Tanz und tourte zwei Jahre später mit der Gruppe durch Europa und Nordamerika. Schon als Kind kam er mit westlicher Kultur in Berührung und begeisterte sich vor allem für Jazz. Nebenbei lernte er verschiedene indische Musikinstrumente kennen. Das Leben als Tänzer war auch eine Flucht vor schwierigen Familienverhältnissen. Die Eltern hatten sich getrennt, der Vater war als Anwalt nach England gegangen. Shankar wurde von der Mutter aufgezogen, seinen Vater sah er nur alle paar Jahre.
Als sich Allauddin Khan, der Hofmusiker, der Gruppe in Europa anschloss, begann sich der junge Shankar für die Sitar zu begeistern. "Dieser Musiker sagte mir, ich würde mein Talent verschwenden. Ich sollte mich auf die Musik und vor allem auf die Sitar konzentrieren", erklärte Shankar. Siebeneinhalb Jahre blieb Shankar in Maihar, übte täglich bis zu 14 Stunden - und kehrte mit 25 Jahren als Virtuose zurück.
Mitte der fünfziger Jahre begann Shankar, außerhalb von Indien aufzutreten - zunächst vor allem vor Exil-Indern. Zu fremd war seine Musik für westliche Hörgewohnheiten. Die Zuhörer seien "empfänglich für seine Musik, aber gelegentlich doch verwirrt", schrieb das "Time"-Magazin 1957. Und der Kritiker der "Süddeutschen Zeitung" wunderte sich nach einem Konzert, das Shankar 1958 im Münchner Sophiensaal gab, über die Begeisterung des überwiegend indischen Publikums: "Der Beifall ist wie besessen - und das trotz des für europäische Ohren beinahe unbegreiflichen Schwierigkeitsgrades des Programms, neben dem sich Schönbergs Zwölf-Ton-Quartette wahrscheinlich so einfach wie 'Kommt ein Vogel geflogen' anhören würden."



Anfang der Sechziger begann er, westliche und östliche Musik zu fusionieren und mit Jazz- und klassischen Musikern zusammenzuarbeiten. 1966 erschien das Album "West meets East", das er gemeinsam mit Starviolinist Yehudi Menuhin aufnahm. Jazzsaxofonist John Coltrane verehrte die Platten Shankars schon seit den frühen Sechzigern. Er plante, mit ihm gemeinsam Aufnahmen zu machen - doch es kam nicht mehr dazu, Coltrane starb 1967. Sein Sohn Ravi, Jahrgang 1965, ist nach dem Sitarvituosen benannt.

Der Durchbruch in der Popwelt kam, als sich Beatles-Gitarrist George Harrison in den Klang der Sitar verliebte und sich von Shankar unterrichten ließ - eine Verbindung, die 1965 zur ersten westlichen Popveröffentlichung führte, in dem die Sitar Verwendung findet: "Norwegian Wood", veröffentlicht auf dem Beatles-Album "Rubber Soul". Harrison und Shankar wurden enge Freunde, Harrison verbrachte Wochen bei Shankar in Indien, sie zogen gemeinsam um die Welt. Shankar sei der "Pate der Weltmusik", sagte Harrison.

 Er produzierte mehrere Alben des indischen Musikers und tourte mit ihm durch die USA. 1971 gaben er und Harrison das weltweit erste Wohltätigkeitskonzert - für den gerade neu entstandenen Staat Bangladesch.
Die Verbindung zur Harrison überdauerte den "Sitar-Fad" der sechziger Jahre - als in jedem zweiten Popsong das typisch psychedelische Sirren des indischen Saiteninstruments auftauchte. Shankar selbst verletzte es, dass seine Kunst im Westen bloß eine kurzlebige Modeerscheinung zu sein schien. "Leute kamen bekifft in meine Konzerte, dann saßen sie Cola trinkend im Publikum und machten mit ihren Freundinnen herum. Das fand ich sehr erniedrigend, und oftmals nahm ich einfach meine Sitar und ging", sagte Shankar in einem Interview. Anfang der Achtziger klagte er: "Ich wurde zu einem Popstar gemacht und die meisten Fans haben damals die indische Musik nur als Klangkulisse für Haschischrauchen betrachtet." Tatsächlich sah er sich immer als klassischen Musiker - und Vertreter einer Jahrtausende alten Tradition.
 
 
In seiner Heimat war er das auch immer. Man nannte ihn "Pandit", Gelehrter. Dass Indiens Premierministers Manmohan Singh am Mittwochmorgen persönlich den Tod Ravi Shankar verkündete und von einem "nationalen Schatz" sprach, den das Land verloren habe, war keineswegs zu dick aufgetragen. Es gab keinen berühmteren indischen Musiker. Er war schon zu Lebzeiten eine Legende, einer, den die Menschen als spirituellen Meister, als Musikgott feierten.

Shankar komponierte auch Musik für Filme, darunter für Richard Attenboroughs "Gandhi" im Jahr 1982. Er erhielt drei Grammys, mehrere Ehrendoktortitel und viele Würdigungen in mehreren Ländern. Auch für 2013 war er für einen Grammy nominiert. Nun wird er posthum in der Kategorie "Bestes Weltmusik-Album" antreten - unter anderem gegen seine Tochter Anoushka, ebenfalls eine Sitarspielerin.

 Eine andere Tochter hatte bereits mehrfach Erfolg bei den Grammys: die Sängerin und Pianistin Geethali Norah Jones Shankar, die ihren Namen in Norah Jones änderte. Vater und Tochter hatten ein schwieriges Verhältnis zueinander und über Jahre keinen Kontakt. Jones' Mutter hatte nur eine kurze Beziehung zu Shankar.
Mit Anoushka gab er Anfang November sein letztes Konzert. Sie und Shankars zweite Frau Sukanya waren an seiner Seite, als er am Dienstagnachmittag mit 92 Jahren im kalifornischen San Diego in einem Krankenhaus starb.


Nachruf Quelle Spiegel Online