Donnerstag, Dezember 03, 2009

Paul McCartney spricht vor dem EU Parlament


Vegetarier aller Länder, vereinigt euch! Für einen fleischfreien Wochentag zum Wohle der Umwelt jettet Ex-Beatle Sir Paul McCartney um den Globus. In Brüssel erregte er das Europäische Parlament - mit seiner Anwesenheit, weniger mit seinen Thesen.





Wow! Paul McCartney im Europäischen Parlament! Dem weithin unbekannten, großen stillen Gebäudekomplex, mit langen leeren Fluren und meist todlangweiligen Versammlungen. Veranstaltungsort gefürchteter Pressekonferenzen, auf denen europaweit unbekannte Politiker über belanglose Probleme mit dem Rest der Welt oder mit sich selbst schwadronieren. Und plötzlich ist "er" in dem sonst so kontemplativen Glasbau: Sir Paul McCartney, vielleicht nicht der musikalisch beste, aber gewiss der schönste Beatle aller Zeiten!






ANZEIGEEr düst zwischen seinem Konzert am Mittwoch Abend in Hamburg und seinem Auftritt einen Tag später in Berlin für zwei Stunden nach Brüssel ins Zentrum der Eurokratie, um seine Botschaft zu verkünden: "Weniger Fleisch = Weniger Hitze." Auf englisch reimt sich das - "Less Meat = Less Heat" - und ist nicht wörtlich, nicht personell zu verstehen, sondern natürlich global: "Esst weniger Fleisch", will der Spruch sagen, "und ihr tut etwas für den Klimaschutz". Einen Tag pro Woche zumindest, will Beatle-Paul, sollen wir auf Fleisch verzichten. So wie früher, als die Katholiken noch katholisch lebten und freitags Fisch essen mussten.



Okay, etwas angejahrt sieht er aus, ganz aus der Nähe, aber noch immer klasse, mit seinen 67 Jahren und dem vollen braunen Haar. Die Menschen drängeln sich, Parlamentarier, Parlamentarische Experten, deren Verwandte und Assistentinnen, Kameraleute, Journalisten. Sie wollen Autogramme, sie wollen ihn sehen, fotografieren und sie wollen ihn hören. Aber Letzteres gestaltet sich schwierig, obwohl Sir Paul nach seinem Meeting mit der Nomenklatura des EU-Parlaments sogar eine Pressekonferenz gibt.

"Ich bin da kein Experte"



Die ist natürlich auch überfüllt, und es gibt viele Fragen. Nur mit den Antworten von Paulie hapert es etwas. Nicht stimmlich, noch immer spricht er mit seinem schönen melancholischen Timbre. Eher inhaltlich ist der von Britanniens Queen zum "Knight Bachelor" geadelte Musikant etwas zurückhaltend. "Die Fleischproduktion emittiert mehr gefährliche Klimagase - 18 Prozent - als der gesamte Transportsektor - 13 Prozent." Diese und ähnliche Erkenntnisse werden von fleißigen Helfern auf vorbereiteten Textseiten und farbigen Flyern im Saal verbreitet und von zwei Klimakundigen an McCartneys Seite bekräftigt. Nicht nur CO2, auch Methan und Stickoxide schicken unsere zwei- und vierbeinigen Fleischlieferanten gen Himmel, und das sei alles klimaschädlich. Auch Paul nickt, ja er fürchte, so sei es. Aber, ob es überall so sei, in Argentinien wie in Bayern, und ob Huhn oder Kuh am Ende auf das Gleiche herauskomme, dazu will er lieber nichts sagen. "Ich bin da kein Experte."



Aber Vegetarier ist er, seit Jahrzehnten. Auch seine Podiumsnachbarn leben fleischfrei, der indische Klimaschützer Rajendra Pachauri und Parlamentsvizepräsident Edward McMillan-Scott. Letzterer ist erst seit dem letzten Weihnachtsessen dabei, fühlt sich "fein", hat sechseinhalb Kilo abgenommen, und sein Cholesterin-Pegel sei auch viel besser, sagt er. Und Paul nickt und freut sich mit ihm dass "es sehr leckere vegetarische Speisen gibt". Aber wie man denn die Menschen vom Fleischessen abbringe und ob eventuell bei dem Ganzen auch die Armut hineinspiele, als Ursache oder Folge - wie begeisterte Fan-Journalisten von ihrem Paul wissen möchten - das vermag er nicht zu sagen: "Ich bin da kein Experte." Den Satz sagt er häufig, eigentlich meistens, und das ehrt ihn ja auch irgendwie.


Aber am Schluss stört ein kesser Niederländer die harmonische Stimmung und fragt, wie sich denn McCartneys Engagement für den Klimaschutz mit seinen Konzerten - etwa mit der energieverschlingenden Sound-and-light-Show - und mit seinen Reisen vertrage? Da immerhin weiß der Autor eines der am meisten gespielten Songs aller Zeiten im Radio ("Yesterday") die richtige, zeit- und mediengerechte Antwort. Er tue, was er könne. So lasse er sich überall dort, wo er lande, so auch vorhin am Brüssel-Airport, stets von einem Hybrid-Fahrzeug abholen. Und was den großen Energieverbrauch seiner Rockkonzerte angehe, "well", er habe "ja das Mikrofon nicht erfunden", und das funktioniere "nun mal nicht mit Kerzenlicht".



Spricht es und eilt, noch hier und da ein Autogramm, ein Lächeln, ein "Hallo" verschenkend dem Ausgang zu, wo tatsächlich eine japanische Hybrid-Limousine auf ihn wartet, die ihn zum Flughafen bringt. Zur nächsten Station seiner "Magical Mystery Tour".

Quelle: Spiegel Online Photos:Press